Auf einem guten Weg: Kapitän Jan Sadler liegt mit Hannover United nach der Vorrunde auf Platz drei in der 1. Rollstuhlbasketball-Bundesliga. Foto: Lobback

Hannover. Hannover United hat sich in der 1. Rollstuhlbasketball-Bundesliga (RBBL1) etabliert. Aktuell belegt die Mannschaft nach Ende der Halbserie mit drei Niederlagen und sechs Siegen in Folge Platz drei hinter Triple-Sieger RSB Thuringia Bulls und Rekordmeister RSV Lahn-Dill. Vor dem Rückrundenauftakt beim RSV Lahn-Dill am Sonnabend (19.30 Uhr) spricht United-Nationalspieler Jan Sadler, seit dieser Spielzeit Mannschaftskapitän, im Saison-Halbzeitinterview über Mut, neue Stärken und das Ziel, näher an die Großen heranzurücken.

Jan Sadler, ist Hannover United schon so weit, den RSV Lahn-Dill zu schlagen?
Ganz ehrlich: Ich glaube, einmal ist das möglich. Wo das dann der Fall sein wird, ob am Sonnabend, in den Playoffs, im Pokal – keine Ahnung. Vielleicht passierte es auch nicht. Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, denn wir haben dazu das Zeug.

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Die Mannschaft hat Sie kurz vor dem Saisonstart zum Kapitän gewählt. Wie fühlt sich das nach der Hälfte der Spiele an?
Das Kapitän-Sein macht sehr viel Spaß und gibt mir eine gute Portion Mut. Die Mannschaft macht es mir aktuell aber sehr einfach, ich habe großen Rückhalt. Ich weiss allerdings auch, dass ich bei manchen Dingen genauer hinschauen muss: Wie es im Training läuft, ob die Energie stimmt, ob wir konzentriert genug sind. Wichtig ist auch, ein Ohr am Team zu haben, da sind wir eigentlich im guten Gespräch. Wenn mal etwas sein sollte, können wir das innerhalb von 24 Stunden aus der Welt schaffen.

Das Auftaktprogramm mit den Top-Drei der vergangenen Saison war anspruchsvoll. United ist mit drei Niederlagen gestartet. Beschreiben Sie kurz die Situation.
Es war eine Hypothek, dreimal zu verlieren und dann zu Hause gegen einen sehr starken Aufsteiger Rahden zu spielen. Auf der Partie hat großer Druck gelastet und es hätte auch schief gehen können. Hätten wir verloren, sähe die Situation heute anders aus. Unterm Strich zählt aber, was auf dem Scoreboard steht. Und wir haben das Spiel gewonnen, knapp, aber gewonnen. Und man muss auch sehen, dass wir in den Partien gegen Lahn-Dill und die Bulls ein gutes Niveau gespielt haben. Das haben wir über die Saison hinweg wiederholt abrufen können.

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Nun stehen sechs Siege in Serie …
… mit Pokal acht (lacht). Das vergessen immer viele.

Nun stehen in der Liga sechs Siege in Serie, mit Pokal acht, auf dem Zettel. Ist Hannover United auf dem Weg zu einem Top-Team?
Das hat natürlich auch etwas mit der Konstellation des Spielplans zu tun. Wir haben uns vor der Saison vorgenommen, dass wir die oberen vier anpeilen wollen. Jetzt sind wir aktuell Dritter – haben aber die Hälfte der Saison noch vor uns. Dass das schon so früh geklappt hat, liegt auch daran, dass wir Schützenhilfe von den anderen Klubs bekommen haben. Hier und da fehlten und fehlen wichtige Leute, auch bei uns. Aber wir haben von allen Teams wahrscheinlich am konstantesten gespielt.

Mit Tobias Hell und Mariska Beijer sind zwei Neue ins Team gekommen. Wie haben die sich gemacht?
Ich fange mal mit Tobi an. Tobi ist einfach der krasseste Schwamm, den ich bis jetzt erlebt habe. Er hat in den letzten Monaten so viel Input bekommen. Daran sind andere junge Spieler, die in den letzten Jahren zu uns gekommen sind, häufiger gescheitert. Dennoch hat der es schwer gehabt, Fuß zu fassen. Er trainiert hart, spielt aber wenig. Er ist sich seiner Rolle sehr bewusst und geht damit sehr professionell um. Ich glaube, dass er uns in den kommenden Spielen weiterhelfen wird, weil Alex Budde wieder zurück ist. Die Konstellation mit den beiden ist gar nicht verkehrt. Man darf nicht vergessen, dass er zu Saisonbeginn  aus der Regionalliga gekommen ist. Das ist jetzt ein Reifeprozess. 

Und Mariska Beijer?
Dieser dritte Platz hängt, glaube ich, sehr stark mit der Spielerin Mariska Beijer zusammen. Sie hat einen großen Anteil daran, weil sie das Teamgefüge unglaublich verbessert. Sie kann auf jeder Position spielen, kann mal einen Ball bringen, kann von außen werfen, kann als Center gut finishen, sich unter dem Brett gegen die großen Leute behaupten. Und darüber hinaus ist sie so eine herzensgute Person, die immer ein Lachen auf den Lippen hat und in jederlei Hinsicht immer positiv am Team arbeitet. Es ist wirklich ein Glücksgriff für uns, dass sie sich für Hannover United entschieden hat.

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Alexander Budde, Behindertensportler des Jahres in Niedersachsen, hat wegen einer Verletzung lange gefehlt und ist jetzt wieder fit. Ihn kann man fast schon als dritten Zugang bezeichnen.
Der Junge ist immer heiß wie Frittenfett. Außerdem bringt Alex eine eine unglaubliche Portion Athletik mit, die er in den letzten ein, zwei Jahren aufgebaut hat. Mit seiner Art wird er uns für die Rückrunde eine Initialzündung geben. Er macht alles richtig und fragt trotzdem noch, was er verbessern kann. Das ist genau das, was wir im Team brauchen und was uns als Mannschaft besser macht. Und mir persönlich tut es sehr gut, dass er wieder da ist. Alex nimmt den Druck von meiner Rolle: Entweder, wenn ich mit ihm zusammen auf dem Feld bin oder er eins zu eins für mich eingewechselt werden kann. Das lässt mich befreiter spielen.

Auffällig ist, dass Hannover United – wie schon im letzten Jahr – nach den beiden Topteams die wenigsten Körbe kassiert. Woran liegt das?
Hannover United ist eine Defense-Mannschaft. Das war in den letzten Jahren schon unsere Stärke – auch zu Zweitligazeiten. Dass wir so eine gute Defense spielen, haben wir zu großen Teilen Martin (Trainer Martin Kluck, d. Red.) zu verdanken. Wir arbeiten unglaublich hart an unserer Athletik, machen viele Übungen im Eins-gegen-Eins. Und inzwischen können wir große Line-ups stellen und uns viele Rebounds schnappen. Dadurch gehen wir schneller in die Offense. Außerdem haben wir nicht nur Leute, die kräftig sind, sondern auch schnell. Damit können wir auch mal hoch pressen, an der gegnerischen Zone Druck machen, Mannschaften verunsichern – und damit ganz viel Zeit von der Wurfuhr nehmen.

Hannover United lebt zu einem gewissen Teil von den Körben von Joe Bestwick. Gegen die Roller Bulls Ostbelgien musste United wegen zwei technischen Fouls und der Disqualifikation erstmals eine Halbzeit auf ihn verzichten – und hat das trotzdem kompensiert.
Das war ein unglaublich wichtiges Spiel für uns – vor allem als Team. Wir haben das mit Bravour gemeistert. An dem Tag war das Team gefragt, in die Bresche zu springen. Das hat es unglaublich gut gemacht, vor allem Jan Haller. Er hat gemerkt, dass wir jemanden brauchen, der punktet und hat von außen dreimal direkt hintereinander getroffen. Was die Organisation auf dem Feld anging, haben wir beide sehr viel Verantwortung übernommen. Das zeigt: Wir müssen noch mutiger werden. Wir müssen uns noch mehr selbst vertrauen. Je mehr wir das Scoring verteilen können, desto besser – und das bedeutet nicht, dass Joe keine 30 Punkte mehr wirft oder werfen soll. Es bedeutet, dass wir noch mehr Leute haben, die zweistellig punkten.

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Was macht das für den Gegner so schwierig?
Das macht uns noch gefährlicher. Egal, was die Gegner machen, Joe wirft mindestens 20 Punkte, eher mehr. Aber was die anderen machen, wird umso wichtiger. Es kam mehrfach in der Saison vor, dass Spieler zweistellig gepunktet haben. Es ist schwer das zu verteidigen. Der Gegner nimmt Option eins weg. Wir antworten mit Option zwei. Der Gegner nimmt Option zwei weg und denkt, Option drei verliert das Spiel – und wir antworten mit den Optionen vier oder fünf. Das ist einfach das Schöne.

Wie lautet der Plan für die Rückrunde?
Der Fokus liegt darauf, die gute Hinrunde zu wiederholen und Dinge noch ein bisschen besser zu machen. Unsere wichtigsten Partien sind nicht die gegen Lahn-Dill und Thüringen, sondern gegen Wiesbaden, München, Trier – und davon haben wir nur ein Heimspiel. Wenn wir diese Teams hinter uns lassen, können wir schauen, wie wir in die Playoffs gehen. Ziel ist: Im Playoff-Viertelfinale sollte nicht Schluss sein. Mit Blick auf die beiden schweren Spiele gegen Lahn-Dill und Thüringen geht es mich für mich darum, einen besseren Score als in der Hinrunde zu erzielen, mit noch weniger Punkten zu verlieren. Das Zeug dazu haben wir. Und im Pokal wollen wir das Final Four erreichen. Wir gehen als Favorit in die Partie gegen Rahden II.

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Geht der Blick auch schon Richtung Tokio, Richtung Paralympics?
Das Selection Camp findet erst im Mai statt. In den letzten beiden Jahr haben wir uns mit der Nationalmannschaft schon im Januar getroffen. In diesem Jahr geht es darum, im Winter durchzuschnaufen. Das ist sehr, sehr wichtig. Die Natio-Teams, egal ob U22, Frauen oder Männer, sind in diesem Jahr viel unterwegs gewesen. Dennoch wird der Blick ab Januar auch auf Tokio liegen. Vor vier Jahren bin ich sehr zaghaft, nervös an die Sache gegangen. Mittlerweile sage ich mir: Ich bereite mich jetzt auf die Paralympics und den Selektionsprozess vor, gehe mit viel Energie an die Aufgabe. Das tut mir sehr gut. Tokio wird eine große Sache werden. Wir können hoffentlich sehr viele Athleten von Hannover United bei den Paralympischen Spielen sehen.

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